Weihnachten ist 22:00 Uhr vorbei.

Wenn Anfang September die ersten Terroristen in Form von Schokoladenweihnachtsmännern bei den Discountern mit ihrem Psychokrieg beginnen, hat der Spätsommer keine Chance mehr. Selbst Temperaturen von über 20 Grad sind machtlos gegen Rosinenstollen, Pfeffernüsse und Glühwein. Und wenn dann in den Baumärkten die bunten Plastikweihnachtskugeln und Lämpchenrehlein neben dem Grillkohleanzünder und den Samentütchen auftauchen, hat das deutschsprachige Gemüt gefälligst in Festtagsstimmung zu verfallen. Selbst das tief in der deutschen Tradition verwurzelte Fest der leuchtenden Kürbisse, Hexen und Vampire vermag nur an wenigen Tagen sich Gehör zu verschaffen. Einzig eine Trinkveranstaltung namens „Oktoberfest“ durchbricht noch die geschlossene Phalanx aus Diskussion über verkaufsoffene Sonntage vor dem Fest der Feste, dem allgegenwärtigen Wort „Weihnachtsgeschäft“, der Vielzahl der Ratgebersendungen über Verbraucherrechte, insbesondere der Rechts auf Umtausch. Der Schnee in Kindersendungen wird immer tiefer . Die Gedanken fangen sich in zunehmender Stärke in einem Strudel von Tiefkühlschrankkapazitäten, Verwandschaftsbesuchen und dem Drang zum Plätzchen backen. Während ganze Herden von Weihnachtsgänsen, Wildschweinen, Hirschen und Hasen vor den geistigen Augen entlang ziehen, schmiedet man schon Abnehmepläne, bevor man überhaupt zugenommen hat. Spätestens dann, wenn die Wut über den Nachbarn, der seinen Köder schon wieder  vor den Briefkasten meines Hauses kacken lässt und danach seinen Zigarettenstummel vor meine Tür wirft, im Nebel des Wunsches nach einer weißen Weihnacht und der Nächstenliebe verschwindet, ist der Kampf gegen den Festtagsterror verloren. Des eigenen Willens beraubt, schwebt man zwischen Jingle Bells, Holzeisenbahnen, Lichterglanz und Kindheitsträumen. Je näher der 24.Dezember kommt desto stärker werden die romantischen Blähungen und Rentiere sieht man lieber vor dem Weihnachtsmannschlitten als auf der Bratenplatte. Dann strebt alles seinem furiosen Finale zu.  Die ganze Welt überbietet sich rauschartig in Millionen von Kerzen, schweren Weihnachtsdüften, meterhohem Kunstschnee und tausenden jubilierenden Kinderchören. Am späten Nachmittag aber wird es schlagartig ruhig. Aus der Ferne noch eine Opernarie, ein Kirchenchor, eine Weihnachtsgeschichte. Nur noch raschelndes Geschenkpapier.Wenn alle Geschenkbänder aufgeknüpft sind, lassen uns komatöse Schwächeanfälle, stärkste Erschöpfungssymptome in die Sessel sinken. Geschafft. Schlagartig gegen 22:00 Uhr werden wir auf allen Fernsehkanälen in die Realität zurückgeholt.  Neben hirnlosem Klamauk, Softpornos, Kriminalfilmen und Berichten über Gewalt verdampft Weihnachten innerhalb von Sekunden..

Und zwischen dem Üblichen, noch fast schüchtern, ein Dokumentarfilm über die Produktion von Schokoladenosterhasen.